Ronald H. Tuschl

 

Die Hydra des Terrors setzt sich fort

 

Die jüngsten Anschläge des internationalen Terrors in London scheinen der Hydra aus der griechischen Mythologie zu gleichen. Versucht man dieser ein Haupt abzuschlagen, so gedeihen drei weitere nach. Wie wir mittlerweile aus Erfahrung wissen, bleibt dies nicht ohne politische Konsequenzen. Als das Terrornetzwerk Al Kaida am 11. März 2004 in Madrid ihre ersten Anschläge innerhalb Europas durchführte, gelang der Terrorgruppe gleich ein dreifacher Schlag: Nicht genug damit, dass dabei mehr als 190 Menschen ihr Leben lassen mussten und 1.400 Verletzte zu beklagen waren; der terroristische Akt zwang die damalige Regierung Aznar zum unmittelbaren Rücktritt und letztendlich Spanien dazu, die Truppen aus dem Irak zurückzuziehen. Diese Dreifachstrategie des internationalen Terrors „Racheakt-Regierungssturz-Rückzug“ könnte sehr leicht Schule machen und somit auch Tony Blair den politischen Kopf kosten bzw. Großbritannien zur Aufgabe der bisherigen Schulter-an-Schulter-Allianz mit Georg W. Bush veranlassen.

 

Mittlerweile ist das erste Bekennerschreiben schon im Internet aufgetaucht. Wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA berichtete, soll das Schreiben auf die geheime Gruppe „Jihad und Al Kaida in Europa" zurückzuführen sein, die neben Großbritannien nun auch vor Anschlägen auf Italien und Dänemark warnt. Beide Länder haben sich bislang geweigert, ihre Besatzungstruppen aus Afghanistan und Irak abzuziehen. Es fragt sich nur, wie lange dies noch der Fall sein wird.

 

Eines dürfte aus bisheriger Erfahrung klar geworden sein: Wer sich heutzutage auf die Seite der USA stellt und den „Krieg gegen den Terrorismus“ bedingungslos und unkritisch mitträgt, lässt sich auf das überaus riskante und womöglich verhängnisvolle Prinzip „Mitgehangen-Mitgefangen“ ein. Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder dürfte jedenfalls gut beraten gewesen sein, den von den USA willkürlich durchgeführten und von den Vereinten Nationen nicht gebilligten Irak-Krieg scharf zu verurteilen.

 

Die jüngsten Anschläge müssen für die europäischen Staaten nun endgültig ein klares Signal sein: Der sofortige Abzug aller Truppen aus dem Irak und aus den benachbarten Staaten sowie die Aufgabe der amerikanisch-europäischen „War-on-Terror“-Allianz sind mehr als überfällig.

 

Mehr noch: Europa wird über kurz oder lang nicht nur seine sicherheitspolitische Fahrt im Kielwasser der USA aufgeben müssen. Um Sicherheit und Frieden garantieren zu können, bedarf es einer Neustrukturierung der Gemeinsamen Europäischen Friedens- und Sicherheitspolitik, die sich völkerrechtlich abgesicherterer und friedenspolitisch nachhaltigerer Strategien bedient als das verhängnisvolle „War-on-Terror“-Konzept eines George W. Bush. Um die Hydra des Terrors zu überwinden, wird es vonnöten sein, sich auf ursachenorientierte Lösungsansätze zu konzentrieren, anstatt gemeinsam mit den USA in den „gerechten Krieg“ zu ziehen. Andernfalls steht den Europäern das Schlimmste noch bevor.

 

Ronald H. Tuschl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK) in Stadtschlaining