Dr. Gerald MADER
23. November 2003
Wenn Europa sich eine neue Verfassung geben will, sollten wir darüber
nachdenken, wohin die Reise geht. Es ist das erklärte Ziel des
Konventionsentwurfs (Artikel 3, Absatz 1), den Frieden zu fördern, wozu gemäß
Absatz 4 die strikte Einhaltung und Weiterentwicklung des Völkerrechts,
insbesondere die Wahrung der Grundrechte der Charta der Vereinten Nationen
gehören. Aber wird der Inhalt des Verfassungsentwurfs dieser abstrakten
Zielsetzung gerecht? Inwieweit entspricht der Konvententwurf auch einer
friedenspolitischen Orientierung, ist er mit der österreichischen Neutralität
vereinbar? Oder atmet er mehr den Geist der Militarisierung? Frieden das Ziel –
Militarisierung der Weg?
Zu der schwierigen Ausgangssituation des Verfassungsentwurfs gehört, dass
die großen Mitgliedsländer unterschiedliche Auffassungen über die sogenannte
Finalität der EU haben, also welche Staatsform die EU haben soll, ob ihre
Außen- und Sicherheitspolitik integriert oder intergovernmental organisiert
werden soll. Davon ist auch die Machtbalance der EU betroffen. Kleine gegen
Große, Alte gegen Neue, Schnelle gegen Langsame. Großbritannien hätte am
liebsten eine erweiterte Freihandelszone, Frankreich denkt noch immer in der
Kategorie des Europas der Vaterländer und Deutschland schwebt ein föderaler
Bundesstaat vor. Unter diesen Voraussetzungen ist es nicht möglich, einen
kohärenten Entwurf aus einem Guss zu schaffen, da sich die unterschiedlichen
Zielsetzungen zwangsläufig in widersprechenden Ansätzen niederschlagen. In der
politischen Praxis bedeutet dies, dass es in absehbarer Zeit eine Integration
der Außen- und Sicherheitspolitik nicht geben wird, da diese den nationalen
Interessen der großen Mitgliedsländer widerspricht. Daran wird sich auch dann
nichts ändern, wenn die EU einen eigenen Führungsstab für EU-Militäreinsätze
bekommt und die alte Idee eines Kerneuropas (CDU) durch Frankreich und
Deutschland im Wege einer strukturellen Zusammenarbeit neu belebt wird. Eine
partielle Beistandspflicht? Auch die vom Europäischen Rat in Helsinki
vorgesehenen Einsatzkräfte bleiben nationale Kontingente, über welche die
Mitgliedsländer verfügen.
Die fehlende Integration der Außen- und Sicherheitspolitik stellt
zweifellos ein beträchtliches Handicap bei der Umsetzung der militärischen
Sicherheitspolitik der EU dar. Gleichzeitig bietet sie die Chance, Initiativen
zu einer europäischen Friedenspolitik als Alternative zu einer europäischen
Militärpolitik zu entwickeln, solange die Frage der Finalität der EU noch nicht
endgültig entschieden ist.
Es stellt sich daher die Frage, was heißt Friedenspolitik, welche
sicherheitspolitische Optionen hat die EU, wie ist der Konventionsentwurf
friedenspolitisch zu beurteilen, welche Funktion hat die österreichische
Neutralität und wie realistisch ist eine europäische Friedenspolitik?
Die Weltpolitik der Bush-Administration
ist deshalb in eine weltweite Kritik geraten, weil die USA nicht mehr als
"gütiger Hegemon", sondern als imperialer Herrscher wahrgenommen
werden. Das Imperium Americanum hat die Pax Americana abgelöst, wie dies
Ernst-Otto Czempiel formuliert hat. Der Hegemon legitimiert sich durch
Zustimmung, Konsens, Kooperation und Macht, das imperiale System beruht auf
Zwang und Gewalt, stützt sich auf militärische Überlegenheit. So nützlich diese
Unterscheidung zwischen hegemonialer und imperialer Herrschaft ist, so betreiben
auch der Hegemon, die militärischen Großmächte Russland und China und viele
anderen Staaten keine Friedenspolitik. Denn nur ein Staat, der wie die
neutralen Staaten freiwillig auf den Einsatz militärischer Mittel zur
Durchsetzung wirtschaftlicher und geopolitischer Interessen verzichtet,
betreibt Friedenspolitik.
Tatsächlich gehen nicht nur die USA, sondern die meisten Staaten von einer
traditionellen Sicherheitspolitik aus, die Sicherheit durch Vorbereitung auf
den Krieg, durch militärische Stärke und Überlegenheit erreichen will, womit
permanentes Wettrüsten verbunden ist. Nicht nur eine postnationale, sondern
auch eine posttraditionelle Sicherheitspolitik ist gefragt. Solange die
Realpolitik nicht bereit ist, diese alte Sicherheitspolitik aufzugeben und
einen Paradigmawechsel der Sicherheitspolitik zu vollziehen, wird es keinen
Frieden geben. Die Militärs verwenden als Gegenstrategie die Begriffe
umfassende Sicherheitspolitik und einen erweiterten Sicherheitsbegriff, womit
sie sich einerseits für nichtmilitärische Bedrohungen zu legitimieren und
andererseits militärische Interventionen out of area zu rechtfertigen
versuchen. Diese militärische Strategie sollte kein Hindernis sein, der Logik
der Gewalt abzuschwören und eine neue Sicherheitsstrategie der kontrollierten
Abrüstung zu kreieren, die den Frieden durch eine nichtmilitärische
Sicherheitspolitik sichern will. In diesem Sinne versteht sich Friedenspolitik
als eine Politik mit friedlichen Mitteln, in der die zivilen Mittel den Vorrang
vor den militärischen Mitteln erhalten. Friedenspolitik bedeutet Verzicht auf
Angriffskrieg, aber nicht Verzicht auf Verteidigung des eigenen Territoriums
und Mitwirkung bei UNO mandatierten Friedenseinsätzen. Friedenspolitik bedeutet
Verzicht auf Gewalt, nicht auf Macht, daher kann ein Staat, der auf
Gewaltanwendung verzichtet, dennoch eine weltpolitische Rolle spielen, die
allerdings in soft power und nicht in einer machiavellistischen Macht- und
Interessenpolitik besteht.
Die EU hat drei Möglichkeiten, wie sie ihre Außen- und Sicherheitspolitik
gestalten kann.
- Sie hält am Atlantischen Bündnis fest, beteiligt sich am Krieg der USA
gegen den Terror und hofft auf bessere Zeiten unter einer demokratischen Regierung
(Beibehaltung des Vasallenstatus).
- Die EU versucht, sich von den USA sicherheitspolitisch zu emanzipieren und
die EU zu einer Militärmacht auszubauen, die allein oder mit den USA (NATO)
militärische Weltmachtpolitik betreibt (zweite militärische Weltmacht).
- Die EU strebt eine Sicherheitspolitik an, die freiwillig auf die Anwendung
militärischer Gewalt zur Durchsetzung von wirtschaftlichen oder geopolitischen Interessen
verzichtet und sich auf militärische Fähigkeiten beschränkt, die zur echten
Verteidigung und zur Mitwirkung bei UNO-Friedenseinsätzen notwendig sind
(friedenspolitisches Modell).
Es ist richtig, dass Friedenspolitik eine Maxime nicht nur für die Außen-
und Sicherheitspolitik ist, da Frieden ohne ein Minimum an Freiheit und
Gerechtigkeit nicht möglich ist. Friede durch Freiheit und Gerechtigkeit ist
ein historischer Prozess, der die ganze Menschheit durchzieht. Im Folgenden
soll jedoch der Verfassungsentwurf nur im Bereich der Außen-, Sicherheits- und
Verteidigungspolitik einer friedenspolitischen Beurteilung unterzogen werden.
Ansätze zu einer Militarisierung der EU finden sich bereits und vor allem
im Vertrag von Amsterdam (1997), mit welchem die sogenannten "Petersberger
Aufgaben" (humane Einsätze bis zu Kampfeinsätzen) Teil der EU werden, die
in Artikel 23 f von der Österreichischen Bundesverfassung übernommen wurden.
Danach ist bekanntlich der österreichische Bundeskanzler und die
österreichische Außenministerin berechtigt, österreichische Soldaten in
EU-Kriegseinsätzen ohne Befassung des Parlaments zu entsenden. Im EU-Gipfel von
Helsinki (Dezember 1999) wurde die konkrete Umsetzung, die Aufstellung von
EU-Streitkräften für militärische Interventionen grundsätzlich beschlossen und
beim EU-Gipfel in Brüssel (November 2000) die "planende Größe"
festgelegt. Zu dieser schon bestehenden Militarisierung der EU ist zu bemerken:
Der Aufbau von Verteidigungs- und Interventionskapazitäten der EU wäre
friedenspolitisch dann zu bejahen, wenn hierdurch keine dreifachen Strukturen
(nationale Militärstruktur, NATO, EU-Streitkräfte) entstehen, Aufgaben und Einsatzgebiete
klar und nachvollziehbar beschrieben werden und der Einsatz militärischer
Streitkräfte ausdrücklich an ein Mandat der UNO gebunden wird. Da diese
Voraussetzungen nicht gegeben sind, ist die fehlende Integration der Außen- und
Sicherheitspolitik, welche ein gewisses Hemmnis für den Aufbau einer offensiven
europäischen Militärpolitik darstellt, positiv zu beurteilen.
Die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) fällt gemäß Artikel 15
in die ausschließliche Zuständigkeit der EU. Aus Artikel 40, Abs. 2 und Abs. 4
ergibt sich, dass die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik bzw. alle
Maßnahmen zur Einleitung von operativen Maßnahmen der Einstimmigkeit des Europäischen
Rates bzw. des Ministerrates bedürfen. Ebenso die Veränderung der Zuständigkeit
in Richtung einer Integration der Außen- und Sicherheitspolitik. Das
Erfordernis der Einstimmigkeit ist friedenspolitisch positiv zu bewerten,
jedoch stellt es ein demokratisches Defizit dar, dass das Europäische Parlament
bei gewichtigen Weichenstellungen der gemeinsamen Sicherheits- und
Verteidigungspolitik gemäß Artikel 40, Abs. 8 nur zu "hören" ist.
Negativ ist anzumerken, dass der Artikel 40 einen Blankoscheck zur
Kriegsführung an den Ministerrat enthält, da dieser ohne entsprechenden
Kriterien (inhaltliche und geographische) weltweit militärische Interventionen
anordnen kann. Mit Recht wird kritisiert, dass die enge Zusammenarbeit mit der
NATO bei Missionen in Drittländern der Vision eines kooperativen und defensiven
Europas widerspricht. Jeder Neutrale kann aber jede militärische Intervention
der EU verhindern, die nicht der echten Verteidigung dient. Auf die
skandinavischen Staaten ist hier sicher Verlass.
Einen gewichtigen Schritt in Richtung einer weiteren Militarisierung der EU
stellt jedoch der Artikel 40 Absatz 3 dar, der die Mitgliedsländer
verpflichtet, ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern, womit
die Aufrüstung umschrieben wird. In Verbindung damit wird ein
"Europäisches Amt für Rüstung, Forschung und militärische
Fähigkeiten" eingerichtet. Eine solche Aufrüstungsverpflichtung der
Mitgliedsländer eines neuen staatlichen Gebildes dürfte einmalig in der
internationalen Verfassungsgeschichte sein. Hier hat sich die Militär- und
Rüstungslobby durchgesetzt, die seit Jahren stereotyp die Behauptung aufstellt,
dass die militärischen Fähigkeiten der EU und ihrer Mitgliedsländer zu gering
sind. Dies trifft aber nur dann zu, wenn man die EU zu einer militärischen
Weltmacht ausbauen will. Der bekannte Militärexperte Lutz Unterseher hat den
Militärhaushalt für ein stabilitätsorientiertes Sicherheitssystem der EU mit 1
% des Bruttoinlandsproduktes angesetzt. Es ist jedenfalls bedauerlich, dass sich
auf den ersten Seiten der österreichischen Presse die Marmeladediskussion
findet, während die Aufrüstungsverpflichtung nicht oder nur am Rande erwähnt
wird.
Friedenspolitisch gefährlich ist die im Zusammenhang mit dem EU-Gipfel in
Thessaloniki entworfene EU-Militärstrategie des ehemaligen
NATO-Generalsekretärs Javier Solanas und heutigen Verantwortlichen für die
EU-Außen- und Sicherheitspolitik, die im Dezember als neue Sicherheitsstrategie
der EU in Brüssel beschlossen werden soll. Das Solana Papier fordert die
Aufstockung der militärischen Mittel, den Aufbau von flexiblen und mobilen
Einsatzkräften, eine strategische Kultur, welche es der EU ermöglicht,
militärische Operationen gleichzeitig an verschiedenen Stellen und weltweit
durchzuführen. Das Papier bekennt sich zu einer Politik mit militärischen
Mitteln, tritt für frühe, rasche und robuste Interventionen ein, wobei
"vorbeugendes Engagement", also Präventivkriege unter Berufung auf
die neuen Bedrohungen für zulässig erklärt werden. Das Strategiepapier wendet
sich gegen den Unilateralismus der USA, setzt auf sicherheitspolitische
Emanzipation der EU, aber unterscheidet sich in den Zielvorstellungen nicht von
der National Security Strategy der USA. Das Solana Papier ist daher eine
Kampfansage sowohl an die unilaterale Weltordnung der USA als auch an die
Friedenspolitik. Denn friedenspolitisch macht es keinen Unterschied, ob
völkerrechtswidrige Angriffskriege im Namen der USA oder der EU geführt werden.
An der geopolitischen Zielsetzung des Solana Papiers ändert auch der
Umstand nichts, dass die neue Sicherheitsstrategie nicht mit
"Schurkenstaaten", sondern mit der Existenz von "Failed
States" begründet wird. Diese gibt es und es wäre lobenswert, wenn sich
die EU um die Befriedung dieser Staaten kümmert. Dazu wäre eine grundsätzliche
Analyse der Kriegsursachen bzw. des dort herrschenden Chaos notwendig, wie dies
im Fall Kongo nun vom Internationalen Gerichtshof versucht wird, der davon
ausgeht, dass die Geschäftsinteressen nationaler Konzerne an der Fortführung
des Krieges interessiert waren und daher für die Kriegsentwicklung zumindest
mitverantwortlich sind. Daneben kann auch der militärische Einsatz mit
militärischen Mitteln mit Zustimmung der UNO sinnvoll sein. Das legitimiert
aber nicht den Aufbau einer obszönen Hochrüstung und von überdimensionalen
europäischen Streitkräften, welche in geopolitisch interessante Regionen zum
Einsatz kommen sollen.
Zusammenfassung: Frankreich und Deutschland haben anlässlich des
Irak-Krieges ein friedenspolitisches Signal gesetzt. Die
Aufrüstungsverpflichtung und das Solana Papier in der vorliegenden Fassung
stehen damit im Widerspruch. Die Einstellung der europäischen Bevölkerung, die
Budgetkriterien des Maastricht Vertrages, der Abbau des Sozialstaates und die
zunehmenden Aktivitäten der Globalisierungsverlierer und –kritiker werden aber
dafür sorgen, dass die Träume von einer europäischen Weltmacht nicht Realität
werden.
Das Kernelement der österreichischen Neutralität ist mit aktiver
Friedenspolitik weitgehendst ident. Keine Teilnahme an fremden Kriegen und
Militärbündnissen. Verteidigung ja, aber keine offensive Verteidigung außerhalb
des eigenen Territoriums ohne UNO-Mandat. Abrüstung und Forcierung der zivilen
und gewaltfreien Konfliktbearbeitung. Österreichs Ziel sollte daher eine
europäische Friedenspolitik sein, welche die defensiven Strukturen der Neutralität
übernimmt, auf Angriffs- und Präventivkriege verzichtet und sich verstärkt auf
zivile Friedensmissionen und nichtmilitärische Maßnahmen konzentriert. Es gibt
genügend Hunger, ökologische und medizinische Katastrophen in der Welt! Die
Neutralen bräuchten daher keine neue Sicherheitspolitik erfinden, sondern nur
die Grundsätze ihrer Sicherheitspolitik auf eine höhere Ebene zu übertragen,
wenn sie sich für eine europäische Friedenspolitik einsetzen wollen. Es ist
bedenklich, dass Teile der österreichischen Eliten diese Zusammenhänge nicht
erkennen wollen und eine aktive Neutralitäts- und Friedenspolitik zu einem
Relikt der Vergangenheit erklären. Natürlich ist die österreichische
Neutralität überflüssig, wenn es zu einer integrierten Außen- und Sicherheitspolitik
der EU kommt. Solange dies aber nicht der Fall ist, macht es Sinn, die
österreichische Neutralität zu bewahren. Umso mehr als sie auch die Möglichkeit
bietet, bei nicht auszuschließenden völkerrechtswidrigen Interventionen der EU
die Teilnahme zu verweigern, sodass die österreichische Neutralität sowohl ein
Beitrag zu einer europäischen Friedenspolitik ist, als auch die Funktion einer
friedenspolitischen Rückversicherung hat.
Die EU-Verträge haben den Neutralen eine besondere Sicherheitspolitik
zuerkannt. Daran hat sich auch im Konvententwurf nichts geändert (Artikel 40,
Abs. 2). Die Neutralen können daher an ihrer eigenen Sicherheitspolitik
festhalten. Es obliegt den jeweiligen Regierungen zu entscheiden, ob und
inwieweit sie ihre besondere Sicherheitspolitik und den Artikel 40, Abs. 2 in
die Praxis umsetzen. In der neuen Sicherheitsdoktrin der Bundesregierung kommt
die österreichische Neutralität nicht mehr vor. Im Krisenfall (z.B. Irak) ruft
die Bundesregierung aber sehr wohl den Neutralitätsfall aus.
Wer angesichts der immer komplexer werdenden Welt und angesichts der
Entwicklung in Afghanistan und Irak glaubt, den Terrorismus, die Profileration
von Massenvernichtungswaffen und das Chaos in den Failed States mit primär
militärischen Mitteln und mit immer obszöner werdenden neuen Waffensystemen
erfolgreich bekämpfen und mehr Sicherheit schaffen zu können, geht nicht von
der politischen Realität, sondern von Wunschvorstellungen aus. Eine Weltordnung
lässt sich nicht mit Gewalt, sondern nur mit der Verrechtlichung der
internationalen Beziehungen, friedlicher Konfliktbearbeitung und Versöhnung
aufbauen. Nur mit einer glaubwürdigen Politik gegenüber der sogenannten Dritten
Welt und gegenüber der nicht-fundamentalistisch-islamischen Bevölkerung und
durch zivile Hilfsmaßnahmen wird es gelingen, die Terroristen von den
Sympathisanten zu trennen, ihnen die Basis entziehen. Dennoch halten die
meisten politischen Eliten an einer Sicherheitspolitik der Stärke sowie der
permanenten und asymmetrischen Kriegsführung fest, da sie darin trotz aller
Verluste die einzige Strategie sehen, den Terror beseitigen zu können. Die
Vorstellung, Frieden durch eine friedenspolitische Selbstbeschränkung und eine nichtmilitärische
weltpolitische Rolle zu sichern, halten sie für naiv, blauäugig und illusionär.
Illusionär ist es jedoch zu glauben, die USA in militärischer Hinsicht einholen
zu können und eine zweite militärische Weltmacht zu werden.
Friedenspolitik ist die Realpolitik der Zukunft, aber sie wird von den
politischen Eliten bestenfalls als Vision, aber nicht als Realpolitik
wahrgenommen. Friedenspolitik erfordert daher einen Bewusstseinswandel der
politischen Eliten, zu dem die Einstellung der europäischen Bevölkerung
beitragen kann, die den Krieg ablehnt, ohne deshalb auf den militärischen
Schutz ihrer westlichen Privilegien verzichten zu wollen. Im Zusammenhang mit
den USA gilt es bewusst zu machen, dass Europa eine eigene Identität weder
durch einen Antiamerikanismus, noch durch den Aufstieg zur militärischen
Weltmacht begründen kann. Wir brauchen vielmehr eine politische Alternative,
welche auf Gewaltanwendung in den internationalen Beziehungen verzichtet und
welche Geopolitik durch Geokultur ersetzt. Nicht die Gegenmacht zur USA,
sondern die politische Alternative ist das Ziel.
Die Bewusstseinsänderung der politischen Eliten ist ein Prozess, der sich
nicht über Nacht einstellen wird. Aber die Zeit ist reif für eine
Friedenspolitik, wenn wir nicht wollen, dass sich die Welt zerfleischt, die
Infrastruktur zerstört und Teile der Welt in eine atomare Wüste verwandelt
werden. Heute verabscheuen wir Sklaverei und Kannibalismus. Es wird Zeit, dass
wir auch Terror und Krieg als Mittel der Politik in gleicher Weise
verabscheuen.