Generelle Beschreibung


Überlegungen zur Friedenspädagogik

Gerald Mader, Gründungspräsident des ÖSFK

Am Beginn der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts stand der Kalte Krieg am Höhepunkt, von dessen Auswirkungen die Länder am Eisernen Vorhang besonders betroffen waren. So entstand die Idee, in der Burg Schlaining ein Institut zu gründen, das durch Friedensforschung und Friedenserziehung zum Abbau des Ost-West-Konfliktes beitragen soll. Die Zielsetzung ging einher mit der Vision von einer Welt, in der Kriege keinen Platz haben.

In den folgenden mehr als 20 Jahren hat sich die Welt dramatisch verändert. Zur Zeit der Institutsgründung ging es um die Überwindung des Kalten Krieges. Heute geht es um den globalen Frieden, um Bürger- und Interventionskriege, Bekämpfung des Terrors, den Kampf um Ressourcen (Energie), den Nord-Süd-Konflikt, die Bekämpfung von Hunger und Armut, die Kluft zwischen Arm und Reich, die Bedrohung unseres Ökosystems und um die politische Gestaltung der ökonomischen Globalisierung (inklusive Umverteilung).

All dies sind Themen, die die Weltpolitik bestimmen bzw. vermehrt bestimmen sollten. All dies sind jedoch auch Bereiche, die Thema von Friedenpädagogik sein müssen, wenn diese ihrem Namen und ihrer Vision gerecht werden will.

Unsere Kinder und Jugendlichen und nicht zuletzt wir alle werden täglich mit dem Weltgeschehen im Positiven wie Negativen konfrontiert. Doch allzu oft ist es leider leichter, die Augen vor Ungerechtigkeit, Leiden, Krieg etc. zu verschließen, statt aktiv mit anzupacken, diese Welt in eine lebenswertere für alle Menschen zu verwandeln. Dies muss freilich Ziel der internationalen Politik sein. Doch auch im Kleinen kann Großes erreicht werden! Jede/r einzelne von uns kann durch unser privates und kollektives Handeln zu mehr Frieden und mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt beitragen.

Die nächsten Generationen zu mündigen Bürgern zu erziehen, ihnen Möglichkeiten der friedlichen Konfliktbeilegung zu lehren, sie zum kritischen Denken zu ermutigen – all dies sind Ziele der Friedenspädagogik. Das Österreichische Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung versucht im Rahmen seiner Möglichkeiten einen aktiven Beitrag dazu zu leisten. Wir glauben an den berühmten Flügelschlag der Schmetterlinge und wollen auch andere von der positiven Kraft des Kleinen überzeugen.

Evelyn Messner, Präsidentin des ÖSFK

„Frieden bedeutet nicht Schwäche, und es bedeutet nicht die einfache Abwesenheit von Krieg. Es bedeutet innere Harmonie und starke Individualität, eine vollständige Teilnahme am gemeinschaftlichen Leben, Verantwortung für die Welt und die Verwaltung ihrer Ressourcen. Frieden beinhaltet Respekt vor der Würde und Einzigartigkeit des Menschen, auf der Grundlage, die Rechte für alle zu schützen und zu verteidigen.“    Maria Montessori

Überall, wo Menschen zusammen leben, gibt es Konflikte: am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Schule, innerhalb einer Gemeinde und zwischen Völkern und Staaten. Die Interessen und Bedürfnisse der einzelnen sind verschieden, Vorurteile gegenüber dem „Anderen“ lassen sich nur schwer abbauen, Minderheiten werden oftmals als Bedrohung erlebt und diskriminiert. Wenn man diese Probleme erkennt und ernst nimmt, müssen verantwortungsbewusste Pädagogen versuchen, dagegen präventiv vorzugehen. Zusammenarbeit, eine offene Gesprächskultur und gewaltfreie Konfliktbearbeitung sind Schlüsselqualifikationen dazu.

Friedenspädagogik vermittelt Methoden, mit deren Hilfe das Kind und der Jugendliche  sich selbst, seine Persönlichkeit, die eigene Kultur und die der Anderen kennen lernt. Sie wirkt präventiv, indem sie versucht, Vorurteile abzubauen, Toleranz zu entwickeln und Konflikte auf gewaltfreie Art zu lösen. Es werden Wege aufgezeigt, wie Menschen lernen einander zuzuhören und sich zu verstehen.

Durch Friedenserziehung werden Kinder und Jugendliche mit einem Instrumentarium ausgestattet, das sie dazu befähigt, selbstsichere und zufriedene Mitglieder unserer Gesellschaft zu sein.

Dazu einen Beitrag zu leisten, ist die wichtige Aufgabe der Abteilung für Friedenspädagogik und schulisches Konfliktmanagement am „Österreichischen Studienzentrum für Frieden  und Konfliktlösung“ (ÖSFK) in Stadtschlaining.

Ansatz und Ziele der Friedenspädagogik

Der Friedensbegriff, mit dem am Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung operiert und der demnach auch der Friedenspädagogik zugrunde liegt, ist ein sich parallel zur Friedensforschung ständig weiter entwickelnder. Er wird nicht länger mit einem undifferen­zier­ten Zustand per­manenter Harmonie verbunden, sondern schließt die Konflikt­austra­gung auf allen Ebenen mit ein, die für eine friedenspolitische Entwicklung von Bedeutung sind:

- die intrapersonale Ebene, nämlich das Ringen um die "Er­weiterung des Innenraums der Person" (Friedrich Heer) (Selbstbewußtsein / Selbstwertge­fühl, Gewaltverarbeitung, ...),

- die interpersonale Ebene, wo es um die Verbesserung der zwischen­menschlichen Beziehungen in allen Lebensbereichen geht (Erziehung, Partnerschaft, kommunikative Kompetenz, Abbau von Feindbildern und Vorurteilen, Solidarität, ...),

- die intranationale Ebene, auf der gesellschaftliche Konflikte geregelt werden (Demokratie, Partizipation, Minderheiten, Flüchtlinge, Abbau von Rassismus, Men­schenrechte, etc.),

- die internationale Ebene, wo es auch um Konflikte geht, die das Überleben der gesamten Menschheit gefährden (Friedenspo­litik, Abrüstung, Verringerung des West-Ost und Nord-Süd-Gefälles, Abbau von ökologi­schen Gefährdungen wie Klimawandel, die Vergiftung von Boden, Wasser und Luft, ...).

Eine Bildungsarbeit, die mit einem solchen Friedens­begriff arbeitet, hat auch den Anspruch, die Beziehungen zwischen diesen einzelnen Ebenen herzustellen und sowohl den aktuellen Bezug zwischen den Konflikten auf den einzelnen Ebenen als auch deren historische Entwicklung herauszuarbeiten und zu verdeutlichen. Sie sieht die Voraussetzun­gen und Bedingungen für eine Emanzipation der individuellen, sozialen und internationalen Situation der Menschen als historisch gewachsenen Zusammenhang. Nur wenn das beachtet wird, kann sichergestellt werden, dass die Menschen ihre eigene individuelle Lage als gesellschaftliche begreifen und nicht als isolierte, vielleicht einem subjektiven Unvermögen geschuldete betrachten. Und nur so erkennen sie außerdem ihre eigene Beziehung zu den Konflikten auf allen Ebenen, von der intrapersonalen über die interpersonale, lokale, intrana­tionale bis zur internationalen Ebene. Dies ist auch deshalb notwendig, damit diese Konflikte und die mit ihnen verbundenen unbefriedigenden Situationen nicht als völlig außerhalb ihres Wirkungsbereichs befindliche, und von ihnen unbeeinflussbare Bedrohungspotentiale erscheinen. Nur wenn es gelingt, die historische Entwicklung und damit Veränderbarkeit der Konflikte auf allen Ebenen deutlich zu machen und sie zu den Erfahrun­gen der Menschen in Beziehung zu setzen, können diese ihre Hand­lungskompetenz, d.h. die Möglichkeiten ihrer eigenen gestalten­den Einflussnahme, erkennen.

Ein solcher Anspruch bedingt aber auch die Einbeziehung des unmittel­baren Erfah­rungsbereichs der am Bildungsarbeitsprozess Beteiligten. Er schließt Konflikte und Auseinander­setzungen in diesem Prozess mit ein bzw. nützt diese als Ausgangspunkt für die Vermit­tlung von Erkenntnissen und Einsichten in die gesell­schaftli­chen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge.

Bildungsarbeit für Frieden und Konfliktlösung ist also doppelt konstituiert: Sie bezieht sich einerseits auf die "subjek­tiven" Erfahrungen und Bedürfnisse der Menschen, die sie mit "Frieden" verbinden, und andererseits auf die "objektiven", die gesell­schaftspoliti­schen Konfliktfelder, die sowohl die Inhalte der Bildungsarbeit als auch die Bedingungen ihrer Vermittlung konstituieren. Friedenspädagogik ist damit neben der Befriedi­gung von Bedürfnis­sen, die auf Überleben, Wohlfahrt, Freiheit und Identität gerichtet sind, auch an das Durchschau­en und Mitgestalten der gesell­schaftspolitischen Konflikt­felder gebunden.

Während die Auseinander­setzungen um das erstere Konstitu­tionsmoment mit Begriffen wie "Soziales Lernen" und "Empowerment" verbunden sind, wird um das zweite Konstitutionsmo­ment mit Begriffen wie "Fächerüber­greifen­der Unterricht", "Projekt­orientiertes Lernen", "Transparenz" und "Civil Society" gerungen.

Demnach sollte Bildungsarbeit für Frieden und Konfliktlösung die verschiedenen Formen der Gewalt und Fried­losigkeit von der personalen bis zur inter­nationalen Ebene thematisie­ren und ihre Ursachen und vielfältigen Verflech­tungen analysieren. Wichtig ist dabei, dass jede Fixierung auf negative Entwicklungen vermieden wird, die Gefühle der Ohnmacht, Resignation oder aber auch Faszination erzeugt ("Katastrophen-Pädagogik" etc.). Vielmehr sind durch Gewalt und Friedlosigkeit unbefriedigte Bedürfnisse als Ausgangspunkt für eine Friedenspädagogik zu verstehen, die sich positiv an der Befriedigung dieser Bedürfnisse orientiert und dafür Möglichkeiten sucht und aufzeigt.

Bildungsarbeit für Frieden und Konfliktlösung ist also methodisch ganzheitlich orientiert im Sinne von Verbindung kognitiver Inhalte und persönlicher Einstellungsentwick­lung bis hin zur Verhaltensänderung, umfassend im Sinne der Integration verschiedener Ebenen sozialer Distanz (intrapersonal bis international) und offen im Sinne von permanenter Lernbereitschaft aller Beteiligter.

Zusammenfassend kann folgendes festgehalten werden: Friedenspädagogik möchte dazu beitragen, die vorhandenen Rivalitäts-, Macht- und Gewaltstrukturen durch die Entwicklung einer umfassenden Friedens­kultur zu ersetzen. Die Perspektive einer solchen Arbeit ist sowohl auf eine "Neuord­nung von Wahrnehmung" (Adorno) der einzelnen Individuen als auch auf eine Gestaltung der gesellschaftlichen Bedingungen gerichtet, die grundle­genden Bedürfnissen ent­spricht. Sie betont die Notwendigkeit von selbsttätigem und handlungsori­entiertem Lernen und das aktive Eintreten für ein Überleben und ein menschenwürdiges Leben für alle Menschen dieser Erde, jetzt und in der Zukunft.

Die aufgezeigte friedenspolitische Entwicklung und die damit verbundenen Konsequenzen für die Friedenspädagogik stellen auch für die Schule eine große Herausforderung dar. Wie kann die Schule den skizzierten Anfor­derungen an Bildungsarbeit gerecht werden? Wie müssen Lernprozesse beschaffen sein, die Schüler und Schülerinnen motivieren und qualifizie­ren, sich der Vernichtung unserer Lebensgrundlagen durch Krieg und ökologi­sche Verwüstung entgegenzustellen? Welche Curricula sind dafür erforder­lich, und wie können LehrerInnen in dieser Auf­gabenstellung unterstützt werden?

Um dieser Herausforderung zu begegnen, braucht nicht bei Null begonnen werden. Die schulische Praxis, die Lehrpläne der österreichischen Schulen und die Grundsatzerlässe (wie z.B. jene zur ganzheitlich-kreativen Erziehung) enthalten wichtige Aspekte der Bildungsarbeit für Frieden und Konfliktlösung (soziales und interkul­turelles Lernen, Reflexion von Konflikten etc.). In Ansätzen ist Friedenspädagogik also bereits explizit, vor allem aber auch implizit in der schulischen Praxis verankert.

Um den Herausforderungen gerecht zu werden, bedarf es sehr konkreter und umfassender Aktivitäten im breiten Fach der Friedenspädagogik. Im folgenden sollen einige Beispiele aus der diesbezüglichen Tätigkeit am ÖSFK vorgestellt werden. Jedoch wird keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, da auch die friedenspädagogischen Aktivitäten – gleichwie der ihnen zugrunde liegende Friedensbegriff – einem ständigen Wandel unterzogen sind und immer wieder Platz für innovative Initiativen und Visionen eingeräumt werden.

Download Broschüre Friedenspädagogik (PDF Version)